Zweihundertfünfzig Jahre nach dem Erscheinen von Der Wohlstand der Nationen ist Adam Smith zu einem Symbol geworden, das häufiger beschworen als verstanden wird. In Washington dient sein Name als ideologisches Kürzel, ein Schutzheiliger der Deregulierung, der Steuersenkungen und eines kraftvollen wirtschaftlichen Nationalismus. Doch die wirtschaftliche Landschaft der Vereinigten Staaten im Jahr 2026 hat nur wenig mit jener Welt gemein, die Smith vor Augen hatte, als er die Grundlagen der Marktwirtschaft formulierte. Würde er die heutigen politischen Debatten verfolgen, hätte er wohl Mühe, sein eigenes intellektuelles Erbe wiederzuerkennen.
Dieses Jubiläum fällt in eine Phase tiefgreifender Widersprüche. Die USA, Architekt der liberalen Nachkriegsordnung und lange Zeit Verfechter offener Märkte, flirten heute offen mit Protektionismus, tolerierten eine beispiellose Unternehmenskonzentration und betrieben Haushaltspolitik als Bühne parteipolitischer Machtdemonstration. Dies sind nicht die Merkmale jener wettbewerbsorientierten, regelbasierten Wirtschaft, die Smith als Voraussetzung für Wohlstand betrachtete.
Smiths zentrale Einsicht war von eleganter Einfachheit: Märkte gedeihen, wenn Wettbewerb real ist, Regeln verlässlich sind und Regierungen der Versuchung widerstehen, Sonderinteressen zu bedienen. Die moderne amerikanische Politik verstößt gegen alle drei Prinzipien. Zölle, einst als Relikte des Merkantilismus abgetan, sind als Instrumente industrieller Strategie und geopolitischer Rivalität zurückgekehrt. Ihr politischer Reiz ist offensichtlich; ihre ökonomische Logik bleibt unverändert. Wie Smith warnte, wirken Zölle wie Steuern für Verbraucher, getarnt als patriotische Wirtschaftspolitik.
Protektionismus tritt selten offen auf. Er wird als Resilienz, Sicherheit oder nationale Erneuerung verpackt. Doch die Folgen sind bekannt: höhere Preise, verzerrte Investitionen und Vergeltungsmaßnahmen im Ausland. Die Vorteile konzentrieren sich auf wenige begünstigte Branchen; die Kosten verteilen sich auf Millionen Haushalte. Für Politiker, die sichtbare Maßnahmen statt langfristiger Reformen suchen, bieten Zölle die Illusion von Stärke ohne strategische Substanz.
Ebenso unvereinbar mit Smiths Denken ist die außergewöhnliche Konzentration wirtschaftlicher Macht in der heutigen amerikanischen Wirtschaft. Smith war kein naiver Bewunderer unternehmerischer Tugend. Er wusste, dass Unternehmen, unbeaufsichtigt, dazu neigen, implizit oder explizit gegen das öffentliche Interesse zu handeln. Seine berühmte Beobachtung, dass Menschen desselben Gewerbes selten zusammenkommen, ohne über Preiserhöhungen zu beraten, gehört zu den hellsichtigsten Sätzen der Wirtschaftsliteratur.
Im 21. Jahrhundert sind diese Absprachen subtiler. Sie äußern sich in regulatorischer Vereinnahmung, komplexen Lobby-Netzwerken und digitalen Plattformen, deren Dominanz ganze Sektoren umfasst. Das Ergebnis bleibt dasselbe: geschwächter Wettbewerb, geringere Dynamik und wachsende Ungleichheit. Der Grad der Konzentration in Technologie, Finanzwesen und Pharmaindustrie hätte Smiths Verdacht bestätigt, dass Märkte, die von wenigen mächtigen Akteuren beherrscht werden, aufhören, Märkte zu sein.
Doch die größte Verzerrung seines Erbes liegt vielleicht in der modernen Karikatur, die ihn als Apostel des ungezügelten Kapitalismus darstellt. Vor Der Wohlstand der Nationen schrieb Smith The Theory of Moral Sentiments, ein Werk, das auf Empathie, sozialem Zusammenhalt und den ethischen Grenzen des Eigeninteresses basiert. Für ihn waren Märkte Werkzeuge, keine Götzen. Sie benötigten Institutionen, öffentliche Investitionen und eine faire Verteilung der Lasten, um nachhaltig zu funktionieren.
Die gegenwärtigen amerikanischen Haushaltsdebatten haben mit dieser Vision wenig gemein. Steuerpolitik ist zu einem ideologischen Schlachtfeld geworden, nicht zu einem pragmatischen Instrument zur Finanzierung öffentlicher Güter. Die Defizite steigen, die Infrastruktur verfällt, und politische Akteure überbieten sich mit Steuersenkungsversprechen, ohne zu erklären, wie der Staat die Systeme finanzieren soll, auf denen Märkte beruhen. Smith, der Klarheit und fiskalische Vorsicht schätzte, würde dies als politisches Schauspiel betrachten, das wirtschaftliche Politik nur imitiert.
Die bleibende Lehre aus Smiths Werk lautet nicht, dass Märkte verehrt werden sollten, sondern dass sie geschützt werden müssen, vor Monopolen, politischer Einflussnahme und den Verzerrungen kurzfristigen Denkens. Wettbewerb muss bewahrt werden, Handel frei fließen können, und staatliches Eingreifen sollte transparent, gezielt und langfristig ausgerichtet sein, nicht auf den Applaus des Wahlpublikums.
Zweieinhalb Jahrhunderte später liest sich Der Wohlstand der Nationen weniger als Bauplan als Warnung. Märkte schaffen nur dann außergewöhnlichen Wohlstand, wenn Regeln verhindern, dass Mächtige sie zu ihrem Vorteil beugen. Wenn diese Regeln erodieren, dient das System nicht mehr dem öffentlichen Interesse.
Das Paradox unserer Zeit besteht darin, dass Adam Smith häufiger zitiert wird als je zuvor, während die Kräfte, die er fürchtete, Protektionismus, monopolistische Macht und politische Vereinnahmung der Wirtschaftspolitik, wieder erstarken. Würde er die führende Weltwirtschaft heute betrachten, würde er kaum Beifall spenden. Er würde daran erinnern, dass Wohlstand nicht auf Parolen über freie Märkte beruht, sondern auf der Disziplin, die nötig ist, um sie funktionsfähig zu halten.
