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Die neue Geografie der Macht: Rohstoffe als Bruchlinie des 21. Jahrhunderts

Die Geräte, die das moderne Leben prägen, und zunehmend die Energiewende ermöglichen, beruhen auf einer Grundlage unscheinbarer Mineralien, deren Namen kaum je in der öffentlichen Debatte auftauchen. Smartphones, Laptops und Elektroautos hängen von Elementen wie Neodym oder Terbium ab, die sich stillschweigend zu geopolitischen Machtfaktoren entwickelt haben. Chinas nahezu vollständige Kontrolle über Abbau und Verarbeitung hat ein einst technisches Lieferkettenproblem in ein strategisches Druckmittel verwandelt. Als Peking im vergangenen Jahr den Export bestimmter Seltener Erden einschränkte, zeigte es nicht nur seine Dominanz, sondern auch seine Bereitschaft, diese als Instrument der Machtpolitik einzusetzen.

Das Ereignis legte eine tiefere Verwundbarkeit offen: Die technologischen und militärischen Ökosysteme des Westens hängen von Materialien ab, die von einer rivalisierenden Macht kontrolliert werden. Lieferketten, lange als neutrale Kanäle des Welthandels betrachtet, sind zu umkämpften Räumen geworden. Seltene Erden sind nur das sichtbarste Beispiel. Lithium, Gallium, Wolfram und Graphit folgen demselben Muster: weltweit abgebaut, aber überwiegend in China verarbeitet, in allem verbaut, von Drohnen bis zu Solarpanels, und zunehmend in diplomatischen Spannungen eingesetzt.

 

Der Wettlauf der Industrieländer: Die Rückkehr der Industriepolitik, mit alten Schwächen

Die Reaktion der USA und Europas war energisch, aber uneinheitlich. Washington hat eine weltweite Suche nach alternativen Quellen gestartet, Abkommen mit mehr als zwanzig Ländern geschlossen und Subventionen in den heimischen Abbau und die Verarbeitung gepumpt. Die Logik ist klar: weg von China, industrielle Kapazitäten wieder aufbauen und die Rohstoffe sichern, die für die Energiewende und die Hochtechnologie benötigt werden.

Europa geht vorsichtiger vor, geprägt von regulatorischen Reflexen und internen Spannungen. Das EU-Gesetz über kritische Rohstoffe setzt Ziele für den Abbau, die Verarbeitung und das Recycling innerhalb der Union. Doch Genehmigungsverfahren bleiben langsam, der Umweltwiderstand stark, und die Mitgliedstaaten sind uneins über den Umfang der Industriepolitik. Die EU droht, zwischen der amerikanischen Geschwindigkeit und der chinesischen Macht eingeklemmt zu werden.

Auf beiden Seiten des Atlantiks offenbart die Umsetzung die Widersprüche dieser neuen Industriepolitik. Regierungen bieten Kredite, Garantien und Preisuntergrenzen, Instrumente, die Marktmechanismen verzerren und politisch begünstigte Unternehmen stärken können. Die eingesetzten Summen sind enorm, doch die Strategien bleiben fragmentiert. Projekte verteilen sich über mehrere Kontinente, oft in politisch instabilen Regionen, und die Erschließung neuer Minen dauert Jahrzehnte. Gleichzeitig stoßen die ökologischen und sozialen Kosten des Bergbaus auf innenpolitischen Widerstand.

Die zentrale Kritik lautet, dass staatliche Eingriffe zwar gerechtfertigt, aber schlecht gezielt sind. Der Westen entdeckt die Industriepolitik neu, ohne ihre Kompromisse vollständig zu akzeptieren. Im Versuch, China auszumanövrieren, riskiert er, die Ineffizienzen zu wiederholen, die seine Rohstoffprogramme im 20. Jahrhundert prägten.

 

Das langfristige Spiel: Allianzen, säkulare Trends und die Ökonomie der Resilienz

Hinter den aktuellen Spannungen steht ein säkularer Trend: Die Welt tritt in eine Ära ein, in der Materialien, nicht Märkte, den strategischen Vorteil bestimmen. Die Energiewende erfordert beispiellose Mengen an Kupfer, Nickel, Lithium und seltenen Erden. Die Digitalisierung verlangt immer spezialisiertere Mineralien. Verteidigungssysteme beruhen auf Komponenten, die kaum ersetzbar sind. In diesem Kontext wird die Kontrolle über Abbau und Verarbeitung zu einem Instrument wirtschaftlicher Machtpolitik.

Das unterschätzte Kapital des Westens ist nicht nur Technologie oder Finanzkraft, sondern sein Bündnissystem. Kanada, Australien, Japan und mehrere europäische Länder verfügen sowohl über Rohstoffreserven als auch über regulatorische Rahmenbedingungen, die westlichen Standards entsprechen. Eine koordinierte Strategie, gemeinsame Investitionen, geteilte Verarbeitungskapazitäten, harmonisierte Umweltstandards, könnte ein Gegengewicht zur chinesischen Dominanz bilden. Doch solche Kooperation erfordert politischen Willen und langfristige Verlässlichkeit, beides oft Mangelware.

Die zentrale Frage lautet, ob offene Volkswirtschaften widerstandsfähige Lieferketten aufbauen können, ohne in Protektionismus abzurutschen oder Innovation zu bremsen. Preissignale bleiben entscheidend für Effizienz, doch Märkte allein können geopolitische Risiken nicht steuern. Die Herausforderung besteht darin, Eingriffe so zu gestalten, dass sie Diversifizierung fördern, ohne das System zu verkrusten. In diesem Sinne ist die Krise der seltenen Erden nicht nur ein Konflikt zwischen zwei Mächten, sondern ein Test dafür, ob offene Volkswirtschaften sich an eine Welt anpassen können, in der Ressourcen wieder zu Machtinstrumenten werden.