Hat ein neuer Zyklus begonnen?
Der Öl-Preis sank um mehr als 45 USD in den letzten 6 Monaten. Die aufgeworfene Frage ist: Was läuft falsch? Dagegen stellte sich diese Frage keiner, als der Preis pro Barrel noch bei über 120 USD lag.
Schauen wir die historischen Öl-Preise seit dem Jahr 1991 an; es scheint, dass der Preisanstieg, den wir seit dem Jahr 2003 beobachten können, eher als eine außergewöhnliche Tatsache in Betracht gezogen werden sollte. Denn was jetzt passiert, ist eine Trendwende, basierend auf einem Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage. Gegenwärtig liegt der 200-Monats-Preisdurchschnitt bei rund 60 US-Dollar pro Barrel.
Ich erinnere mich an die Zeit, als der Preis pro Barrel unter 10 Dollar war. Zwischen damals und heute haben sich einige wichtige Dinge abgespielt: Golf-Kriege, eine boomende Wirtschaft in China und in anderen Schwellenländern, der Arabische Frühling etc. Aber diese Tatsachen rechtfertigen bei Weitem nicht, dass der Barrel-Preis über USD 120 liegen sollte. Neue Technologien ermöglichen, Ölbecken zu erschließen, die in der Vergangenheit nicht zugänglich waren. Dies gilt besonders für die USA, also dem Land, welches in den letzten Jahren stets seine Produktion erhöhte und jetzt zu einem potenziellen Exporteur von Erdöl geworden ist.
Mit der Entscheidung der OPEC-Staaten, dass dieses Mal keine Produktionsreduzierung stattfinden soll (auch diese Staaten sind „Cash hungry“), war der Preisrückgang programmiert. Angesichts dieser Tatsache können wir davon ausgehen, dass die wirtschaftlichen Kräfte für die nächsten Jahrzehnte (oder so) neu verteilt wurden!
Von diesem Szenario ausgehend, darf man annehmen, dass Barrel-Preise über USD 120 eine kurzfristige Ausnahme waren und, dass sich langfristig gesehen eine Preisspanne zwischen USD 40 bis USD 60 einpendeln wird. Sollte dies tatsächlich so eintreffen, werden nicht nur ein paar US-Ölproduzenten aus dem Ölgeschäft vertrieben, sondern es werden gleichzeitig viele – wenn nicht sogar alle – alternativen Energie-Projekte (wirtschaftlich gesehen) nicht in der Lage sein, sich selbst zu finanzieren.
Energie ist im weitesten Sinne der Treiber für das Wirtschaftssystem, in welchem wir gegenwärtig leben. Um dies zu belegen, ein paar Zahlen: Bei einem Barrel-Preis von rund USD 50 erhöht sich die Kaufkraft in der westlichen Welt pro Haushalt und pro Jahr um rund USD 1.200 / EUR 1.000. Mit anderen Worten: Wir sprechen hier von einer diskretionären Ausgabenerhöhung von USD 1.000 Milliarden für die entwickelten Volkswirtschaften. Ein Großteil dieser Mittel wird für Dienstleistungen und die damit verbundenen Tätigkeiten aufgewendet; dies könnte dann dazu führen, dass die Konsumentenstimmung besser würde und, dass ein neuer Wachstumszyklus zwischen dem 3. und 4. Quartal 2015 beginnen könnte.
